Burn on: immer kurz vorm Burn out

Dauerüberlastet, immer am Anschlag - aber der große Knall, der große Zusammenbruch bleibt aus? Dann liegt ein Burn on vor, so die These der Mediziner Bert te Wildt und Timo Schiele in ihrem Buch. Was es damit auf sich hat und was du für dich aus der Lektüre mitnehmen kannst, erfährst du hier:


© Droemer


Burn out und seine Symptome sind mittlerweile in unserer Gesellschaft angekommen: Überforderung am Arbeitsplatz, Ausgelaugt- und Niedergeschlagenheit, Müdigkeit und Stress bis es schließlich kracht und der Zusammenbruch kommt. Menschen mit einem Burn on erleben dieselben Anforderungen, aber ohne, dass sich die Spannungen in einem großen Moment des Ausbrennens entladen. So das wichtigste in Kürze zusammengefasst.


Was ist Burn on? Und wie unterscheidet es sich vom Burn out?


In ihrem Buch erläutern Prof. Dr. med Bert Theodor te Wildt und Timo Schiele das Phänomen Burn on naürlich weitaus detailierter. In insgesamt neun Kapiteln gehen der Facharzt für Psychotherapie, Psychatrie und Psychosomatische Medizin und der leitende Psychologe der Psychosomatischen Klinik im Kloster Dießen am Ammersee auf das Leiden vieler ein. Das gelingt ihnen mit einer guten Mischung aus fachlichen Informationen und anschaulichen Beispielen. Wie zum Beispiel von Herrn L. :

"Herr L. ist ein freundlicher und sympathischer Mann mittleren Alters, der eine liebevolle Ehe führt und gemeinsam mit seiner Ehefrau eine Familie mit zwei Kindern hat. Er ist im mittleren Management tätig und beruflich sehr erfolgreich, steht also irgendwie mitten im Leben. So weit so gut, könnte man sagen, alles in Ordnung. Er habe das auch lange gesagt und noch länger sagen wollen. Als er bei uns in der Klinik aufgenommen wird, ist er erschöpft, sagt, dass er nicht mehr könne und nichts mehr gut sei, im außen performe er immer noch, zu Hause prokrastiniere er, bekomme nichts mehr hin und mit. Alles fühle sich inziwschen wie eine Verpflichtung an, auch die Dinge, die der immer genossen habe."

Spannend fand ich vor allem die These, dass ständiges Arbeiten ab einem gewissen Punkt mit einer der anerkannten Süchte verglichen werden könne. Denn Menschen mit einem Burn on tendierten dazu, alles Schöne, alles, was Spaß machen könnte, nach hinten zu schieben. Die große Reise kann gemacht werden, wenn die nächste Beförderung durch ist; Das lange gepante Treffen mit den Schulfreund:innen klappt erst, wenn das große Projekt abgeschlossen ist; und das neue Café um die Ecke wird erst ausprobiert, wenn die berufliche sowie private Todoliste vollständig abgearbeitet ist. Von spontanen Treffen mal ganz abgesehen.


Besonders gelungen deckt das Buch die Spanne zwischen Gesellschaft und Einzelpersonen ab. Das gesellschatftliche Umfeld treibt Alt, aber vor allem Jung schon früh zur Selbstverwirklichung an. Diese kann aber schnell vom Privileg zur weiteren, persönlichen Aufgabe und zur beruflichen Stressquelle werden. Dabei zeichnen die Psychologen ein düsteres Bild für Frauen*. Zwar würden die jungen Frauen* zunehmend zur Unabhängigkeit und auch Selbstverwirklichung erzogen; da Frauen* aber nach wie vor den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit übernehmen, befürchten die Experten, dass die Zahl der Frauen*, die an Burn on erkranken werden in den kommenden Jahren zunehmen wird.


Einen Minuspunkt gibt es

Ein bisschen die Nase rümpfen musste ich, da in mir das Gefühl aufkam, dass das Thema Computerspiele ein wenig stiefmütterlich behandelt wird. Im Buch werden sie mehrmals als Mittel zur Verdrängung, auch Eskapismus, beschrieben. Ich verstehe, dass Studien vermutlich den Gedanken zu lassen, dass Computerspiele negative Einflüsse für Personen mit psychischen Störungen oder in permanenten Stresssituationen haben können. Ich hätte mir aber einen Hinweis gewünscht, dass Computerspiele ebenso wie andere Medien durchaus für eine unterhaltsame Freizeitgestaltung ohne Risiko stehen können.


Das Ende von "Burn on: immer kurz vorm Burn out" bilden zwei Kapitel, in denen es um vorbeugendes Verhalten und kollektive Achtsamkeit geht. Welche Möglichkeiten haben Einzelpersonen? Welche praktischen Tipps gibt es? Wie kann man sein Privatleben wirklich aktiv leben? Die Sinnsuche als Selbstzweck, wie te Wildt und Schiele es nennen, ist dabei ein Aspekt, der besonders nachdenklich macht.


Burn on. Immer kurz vor dem Burn out. Das unerkannte Leiden und was dagegen hilft | ert te Wildt / Timo Schiele | Droemer HC | 304 Seiten | 2021 | 20,00 Euro


PS:

Ich habe nicht das Buch gelesen, sondern das Audiobook gehört. Das habe ich mir selbst gekauft. Dieses wird von Sebastian Dunkelberg gesprochen. An die manchmal harte Stimme des Sprechers musste ich mich am Anfang gewöhnen. Dann scheint sie an manchen Stellen doch nur allzu gut zum ernsten Thema zu passen.